+49 30 324 2308
Walter-Benjamin-Platz 4, 10629 Berlin
Mo - Sa 12:00 - 01:00 | So 14:00 - 22:00
Telefonische Reservierung +49 30 324 2308
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Von TISCH zu TISCH – Enoiteca IL Calice – nun ist Sie wieder voll da

Der Neuanfang der Charlottenburger Institution begann schleppend – nun ist Sie wieder voll da

Eine Archivrecherche könnte vermutlich klären, wie oft hier von diesem Restaurant schon die Rede war: oft. Aber egal, es ist eines der ältesten gehobenen Restaurants der Stadt, zumindest, wenn wir den Vorläufer, die ewig überfüllte Weinbar in der Giesebrechtstraße, hinzurechnen; das war 1990 überhaupt der erste Berliner Betrieb, der dieses Konzept pflegte. Im Neubau am Walter-Benjamin-Platz kam die metropolitane Komponente hinzu, das sah stark nach Milano aus, wie wir uns das so vorstellen. Inhaber Antonio Bragato verlor dann irgendwann die Lust, stieg aus und verlegte sich darauf, in Mallorca Häuser zu verkaufen, bis die Nachfolger abschmierten’und er alles zurücknahm – kein schlechter Deal vermutlich.
Ich habe hier vor zweieinhalb Jahren über den Neuanfang geschrieben und war nur mäßig amüsiert, weil mir das alles wenig inspiriert vorkam. Doch eigentlich ist erst jetzt alles neu: Der Raum wurde später umgebaut und um eine Bar rund um die große zentrale Säule ergänzt, und das nonchalante Personal, das sich ungern von den Gästen bei der Arbeit stören ließ, ist nicht mehr zu sehen. Stattdessen gibt draußen Bragatos Sohn Louis freundlichst den Ton an, und in der Küche steht der sehr junge Chef Roberto Sannino.
Das bedeutet: Hier wird eine Küchenlinie zu finden sein, die kreativ genug ist, um nicht zu langweilen, und italienisch genug, um die Identität zu wahren. Das klappt aktuell schon so gut, dass ich einen Besuch uneingeschränkt empfehlen kann; manches rumpelt noch ein bisschen, aber ich hörte, dass der Küchenchef bei unserem Besuch nicht einmal da war. Alsdann: Den Hausklassiker, die hochwertige italienische Wurst- und Käseplatte aus der Vitrine, gibt es noch, und auch die Makrele „in saor“, also mild-süß-sauer mit Zwiebeln auf venezianische Art, ist noch da (13 Euro). Bei der „Zuppetta di Parmigiano“ wird es dann heutig, das ist ein Kartoffel-Parmesan-Schaum mit weich gegartem Eigelb und grünem Wildspargel, sehr gelungen (14). Das Rindertatar besticht mit perfekt handgeschnittenen Stücken und einem schön knusprigen Haselnuss-Crumble, die Agnolotti mit einer gut definierten würzigen Kaninchenfüllung nebst Kaninchen-Consomme (19).
Die Linguine „ai Ricci di Mare“ versprechen den Reichtum des Meeres, beschränken sich dabei aber vernünftig und aromensatt auf Seeigelzungen und Bottarga (22); außer der italienischen Reihe probierten wir eine Ceviche vom Hamachi, sehr sanft gesäuert, mit Koriander, Mango und Avocado – schmeckt! Nicht ganz unerwartet scheinen hier die Hauptgerichte noch eine kleine Baustelle zu sein. Pluma, der Rückendeckel vom Iberico-Schwein, kam schön saftig mit ausgewogenem Fettanteil auf den Teller, begleitet von weißen Rüben, Möhren und Tomatenconfit, den harten, etwas strohigen Mangold hätten wir entbehren können (32). Beim gartechnisch schwierigen Filet vom St. Petersfisch kündigt schon die Speisekarte an, dass es lauwarm komme, doch es tendierte noch zu sehr ins Glasig-Feste. Die Begleitung von Spargel, Spargelschaum und einem Buchweizensalat zeigte aber auf angenehme Weise, wohin die Reise gehen soll (32). Gemessener Ehrgeiz auch beim Dessert: Neben klassischem Tiramisu gibt es Blauschimmelkäse in Kaffeekruste oder Pannacotta mit Brombeeren und Joghurt (Vier-Gang-Menü: 65 Euro).
Gut erholt zeigt sich auch die Weinkarte, die in ihrem Fach nun wieder zur Stadtspitze gehört. Sommelier Nitya Kostka pflegt das große Standardsortiment mit reifen Friauler Bragato-Weinen, die in den letzten Jahren nicht gernacht wurden, werkelt aber gern abseits’ausgetretener Pfade, was etwa zu einem tollen Südtiroler Silvaner von Manni Nössing (57 Euro) führt.

Gut: ambitioniertes, günstiges Lunchmenü.

BERND MATTHIES
Enoiteca Il Calice, Walter-Benjamin-Platz 4, Charlottenburg, Tel. 324 23 08, täglich ab 12, So ab 14 Uhr

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